Wenn der Sex in einer Beziehung im Laufe der Jahre weniger wird, empfehlen viele Leute, einmal neues auszuprobieren. Ein bisschen SM, ein paar Dessous oder ein Besuch im Swingerclub, neue Erlebnisse sollen die Erregung der ersten Verliebtheitsphase zurückbringen. Oder man solle einfach die Beziehung öffnen, und sich so eine sexuelle Befriedigung holen.

„Wenn Sex intim wird“, bietet da einen ganz anderen, meiner Meinung viel zu selten benannten Aspekt: Weg von dem Bemühen, die „alte“ Erregung wieder beleben zu wollen, sondern hin dazu, sich viel tiefer auf die eigene Sexualität und den Partner einzulassen.

Bei all den Sextipps wird allzu oft tabuisiert, dass Sex etwas mit Intimität zu tun hat. Dass es darum geht, sich aufeinander einzulassen, sich zu zeigen mit all seinen Wünschen, aber auch Ängsten und Verletzlichkeiten.

Nach den beiden Autoren gibt es drei Ebenen (die keine Wertigkeit darstellen sollen):

Sex auf Ebene I: Erregung, Energie, Leidenschaft. Meist zu Anfang einer Beziehung, oder aber wenn sexuelle Lust lange oder noch nie richtig gelebt wurde. Unsicherheiten tauchen auf. Aber keine Lust auf Probleme: daher versucht man heftiger, schmutziger, doller.

Sex auf Ebene II: Wir beginnen unsere Verletzlichkeit zu fühlen. Unsicherheiten tauchen auf. Der Körper funktioniert nicht mehr so richtig, es ist nicht mehr so einfach.

Sex auf Ebene III: Tiefe Verbindung, egal ob still oder heftig, größere Intensität. Fast eher körperlich oder spirituelle Erfahrung.

Wenn man sich näher kommt, wird man verletzlicher. Viele wollen das nicht spüren und suchen nach dem nächsten Kick. Es ist normal, dass Erregung und Spannung im Laufe der Beziehung nachlässt. Man kann versuchen, das lebendig zu halten, aber es ist sinnvoller, das durch etwas anderes zu ersetzen.

Sex benutzen um Verletzlichkeit zu vermeiden, Sex bringt Scham an die Oberfläche.

Beim Sex sind nicht nur die Geschlechtsorgane miteinander zusammen, sondern auch die dazugehörigen Menschen. Und damit auch all ihre Erfahrungen, emotionalen Wunden und verborgenen Verletzungen. Wenn die Erregung nachlässt, tauchen die alten Wunden langsam wieder auf. Die Vorwürfe, die Erwartungen, die Ängste, die Scham, all das will sich zeigen. Dann wird Sex intim, wenn es nicht mehr nur um die Erregung geht, sondern auch um tiefe Verbindung.Es braucht Mut und Geduld, sich auch diesen negativen Gefühlen zu stellen, aber nur dann gelingt die Weiterentwicklung in einer Beziehung.

Die Autoren sind seit langer Zeit ein Paar und berichten in ihrem Buch sowohl von ihren eigenen Erfahrungen, als auch von denen ihrer Klienten. Manche ihrer Einschätzungen, wie z.B. (meiner Meinung nach) eine ablehnende Einstellung gegenüber Pornos, mag auf die Leserschaft vielleicht auch etwas negativ wirken, doch sie lassen sich nicht von der Oberfläche blenden, sondern schauen dahin, worum es wirklich geht.

Wer wirklich mehr über Sexualität wissen will, der/die sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es ist geprägt von tiefem Wissen, ein wenig spirituell, ein wenig therapeutisch, aber leicht verständlich.

Leseprobe: http://www.innenwelt-verlag.de/trobe_00027.html

Dr. Krishananda Trobe & Amana Trobe: Wenn Sex intim wird
224 Seiten, 17,80 Euro