Bei meiner Paarberatung erlebe ich es immer wieder, dass Paare häufig nicht wirklich aus ganzem Herzen ehrlich zueinander sind. Meist wird das damit begründet: „Ich will meinen Partner nicht verletzen“ Denn wen man liebt, den möchte man nicht verletzen. Das ist eigentlich eine sehr schöne Einstellung für eine Partnerschaft, die dafür sorgt, dass der andere sich sicher fühlen kann. Und wenn beide das tun, sorgt es für Sicherheit und Vertrauen auf beiden Seiten. So ist die Liebe im Idealfall: Wir möchten, dass es dem anderen gut geht. Das ist gut und wichtig.

Zu viel Harmonie schadet

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Mit einem Bein lässt sich schwer laufen.

Doch zu viel Harmonie schadet der Beziehung auch. Denn wenn beide ihre Wünsche oder auch Frustrationen zurückhalten, damit die Beziehung nicht gefährdet wird, staut sich das ganze unausgesprochene Wirrwarr an und kommt meist irgendwann später ganz unpassend und sehr emotional zum Ausbruch.

Und es gibt einen weiteren Nachteil, wenn man nicht ehrlich zueinander ist: Wenn wir uns immer wieder zurücknehmen oder wenn wir nicht klar sagen, was wir z.B. gerade nicht wollen, wird dadurch auch der Ausdruck von Liebe und Zuneigung weniger. Wie soll das auch funktionieren, dass wir einen Teil von uns zurückhalten, den anderen aber voll ausleben? Das ist so, als würden wir versuchen, nur auf einem Bein zu laufen.

Um eines klar zu stellen: Dabei geht es nicht darum, den Partner klein zu machen, ihn zu verurteilen oder zu bewerten. Oder generell an ihm oder ihr herum zu nörgeln, zu kritisieren oder in Frage zu stellen. Sondern es geht darum, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie die des Partners. Nicht mehr und nicht weniger.

Die eigene Angst vor Zurückweisung

Manchmal tricksen wir uns ja unbewusst auch selbst aus: Dann steckt hinter dem „Nicht-verletzen-wollen“ eigentlich eine Angst. Nämlich die Angst, mit den Bedürfnissen nicht ernst genommen zu werden: Wird er/sie mich auch noch lieben, wenn ich Wünsche äußere, die ihm/ihr vielleicht nicht gefallen? Was soll ich machen, wenn meine Wünsche nicht angenommen werden? Wird es unsere Beziehung belasten, wenn ich sage, was ich brauche? Oder sind meine Wünsche gar so ausgefallen, dass er/sie mich dafür verlassen wird?

Ich möchte nicht behaupten, dass solche Ängste immer absolut unbegründet sind. Aber das Problem ist: Sie müssen es ausprobieren. Und zwar je früher um so besser. Doch zu mir in die Beratung kommen immer wieder Paare, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten jeden Konflikt möglichst vermieden haben. Sie sagen dann „Wir haben uns auseinandergelebt“, als wäre das etwas, was ihnen zugestoßen ist wie schlechtes Wetter. Das „Zusammenleben“ funktioniert dann wieder besser, wenn beide ehrlich zueinander zu werden und herausfinden wollen, wo noch eine Verbindung vorhanden ist und was sich zukünftig ändern muss, damit diese Verbindung wieder weiter wachsen kann.

Es ist einfach notwendig, sich dem anderen zuzumuten und ihm auch mal etwas zu sagen, was ihn verletzen kann. Dabei ist es manchmal ist es auch gar nicht so schlimm, wie wir denken. Oder die Reaktion ist viel schlimmer, als wir erwartet hatten. Aber das wissen wir meist vorher nicht. Deswegen müssen wir mutig sein und das Risiko eingehen. Die gute Nachricht ist: Jeder gewagte und überstandene Konflikt stärkt die Beziehung!

Die Herausforderung der Selbstentwicklung

Wenn man seine Wünsche äußert, muss man damit rechnen, dass die Antwort negativ ausfallen kann. Und dann muss man die eigene Angst aushalten können. Die Angst vor einem negativen Feedback oder die Angst vor den Gefühlen des Gegenübers. Sie müssen sich selbst damit entspannen und es nicht als Angriff bewerten, sondern als Ausdruck der Befindlichkeit Ihres Gegenübers. Das bedarf der Übung, ist aber lernbar. Kleine Kinder müssen auch irgendwann lernen, dass sie nicht in einen Wutanfall ausbrechen können, wenn sie kein Eis haben können, oder dass sie nicht einfach automatisch zuschlagen, wenn sie geärgert werden. Genau so können auch Sie als Erwachsener lernen, mit Enttäuschungen oder Frustrationen gelassener umzugehen, ohne damit ihre Bedürfnisse oder Emotionen zu verdrängen.
Wie man das macht? Es klingt etwas merkwürdig, aber es funktioniert so, dass sie innerlich eine/n Beobachter/in etablieren. Der/die sagt dann zu allem, was passiert: Aha, das ist ja interessant. Es ist ein Annehmen dessen, was gerade passiert, ohne in eine Reaktion zu gehen. Sie beobachten sich und ihr Gegenüber und spüren, was in Ihnen passiert. Atmen Sie tief durch. Und zwar solange, bis sie keinen Impuls mehr verspüren, in ein automatisches Verhalten zu verfallen.

Das ist nicht gleichzusetzen mit einer Rücknahme oder Verdrängung ihrer Gefühle, sondern es geht darum, aus den meist automatischen Verhaltensweisen auszusteigen und neue Wege zu finden. Das geht nur, wenn sie sich und ihr Gegenüber so annehmen wie es ist, ohne sich verteidigen oder zurückschlagen zu wollen. Das ist dann die Herausforderung für beide Seiten: Sich von den Gefühlen des anderen zu distanzieren, sie dabei dennoch genauso ernst zu nehmen wie die eigenen Bedürfnisse und Emotionen.

Das ist der erste Schritt hin zu einer Veränderung. Wenn ihnen das immer besser gelingt, können Sie schauen, wie sie ihre unvereinbar scheinenden Wünsche vereinen können.

Dazu werde ich in meinem nächsten Artikel etwas schreiben.